Trockensteher: Passt das Konzept?

Es gibt mehrere Strategien für eine erfolgreiche Trockensteher-Fütterung und Milchfieber-Prophylaxe. Wie Sie die optimale für Ihre Herde finden.

Wer kennt es nicht: Über Monate rutschen die Kühe problemlos durch die Transitphase. Doch plötzlich ändert sich die Situation – kalte Ohren, reduzierte Futteraufnahme und Kühe, die nicht in Milch kommen. Dann ist eine Fehlersuche und gegebenenfalls eine Anpassung der Fütterung erforderlich. Es stellt sich die Frage, ob es ein Trockensteherkonzept gibt, das besser zur eigenen Situation (Futtergrundlage, Milchleistung, Mitarbeiter usw.) passt.

Egal für welches Trockensteherkonzept man sich entscheidet – es funktioniert grundsätzlich nur dann, wenn eine ausreichende Futter- und Wasseraufnahme sichergestellt und regelmäßig kontrolliert wird. „Nur dann macht ein Konzept zur Milchfieberprophylaxe überhaupt erst Sinn“, betont Dr. Jan Hendrik Steudtner von der Tierarztpraxis Burhafe/Middels (Niedersachsen). Ein weiterer wesentlicher Aspekt ist, dass das Grundfutter regelmäßig (vor dem Silowechsel) u. a. auf Natrium, Kalium, Chlorid, Schwefel sowie auf die Calcium- und Phosphatgehalte analysiert wird. Nur auf diese Ergebnisse lässt sich eine stoffwechselförderliche Trockensteherfütterung aufbauen.

Vier Konzepte im Fokus

Zur Vermeidung von Milchfieber finden vier Trockensteherkonzepte eine breite Anwendung in der Praxis:

  • Calciumarme Fütterung
  • Einsatz von Calcium- bzw. Phosphor-Bindern
  • Magnesium-Konzept
  • Abgesenkte DCAB (Saure Salze)

Julian Lutz, Tierzentrum Ostrach (Baden-Württemberg), ist der Ansicht, dass jedes Trockensteherkonzept erfolgreich sein kann. Entscheidend ist aus seiner Sicht, dass man sich nach der Wahl eines Konzepts konsequent an die Vorgaben hält und es nicht halbherzig umsetzt.

Wenig Calcium im Futter

Mit einer calciumarmen Fütterung soll sich die Kuh an den Ca-Mangel gewöhnen und vor der Kalbung damit beginnen, körpereigenes Calcium zu mobilisieren (Homöostase). Um dies zu fördern, ist die Ca-Aufnahme pro Tag auf unter 45 g pro Tier zu senken. Dieses Schema ist schwierig umzusetzen, wenn hohe Gras- oder Strohanteile in der Ration sind. Denn beide Futtermittel weisen hohe Calcium-Gehalte auf. Dennoch kann für kleinstrukturierte Betriebe eine calciumarme Ration das Mittel der Wahl sein. Immer unter der Voraussetzung, dass die Calcium- und (Kalium-)gehalte der Futtermittel bekannt sind und die Fütterung soweit wie möglich danach ausgerichtet wird. Kühe ab der dritten Laktation sollten zusätzlich mit einem Calciumbolus unterstützt werden.

Ca/P-Überschüsse binden

Calcium- bzw. Phosphor-Binder haben sich als Ergänzung zur calciumarmen Fütterung bewährt. Sie binden nicht nur Calcium im Futter, sondern auch Phosphor. Von Phosphor weiß man, dass ein restriktives P-Angebot einen positiven Einfluss auf die Calcium-Mobilisierung hat.

Die Risiken bei diesem Konzept sind gering. Kleinere Betriebe streuen die Binder häufig über die Ration, mit teilweise guten Ergebnissen. Besser ist es, den Binder in die Ration zu mischen, sodass die geforderte Menge auch sicher aufgenommen wird. Gegenüber dem DCAB-Konzept (Saure Salze) hat der Einsatz von Bindern außerdem den Vorteil, dass keine Urin-pH-Wert-Messungen notwendig sind.

Ein Problem bleibt: Rationen mit hohen Anteilen an Grassilage (intensive Düngung), enthalten viel Calcium und Kalium. Überschreitet der Ca-Gehalt z. B. 6 g/kg TM, gelingt es den Produkten kaum, diesen auf das gewünschte Niveau zu senken. Dann reicht der Einsatz von Calcium- und Phosphor-Bindern allein nicht aus, die zu fütternden Mengen wären zu groß.

Langzeit-Trockensteher können im Sommer auf die Weide. Dabei muss man auf die Mineralstoffversorgung achten.

Magnesium schleust Kalium aus

Der Einsatz höherer Magnesium-Gehalte (Mg) im Mineralfutter ist eine weitere Möglichkeit der Milchfieberprophylaxe. Mg wird dazu genutzt, Kalium aus dem Organismus zu schleusen. Kalium kann so die Ca-Freisetzung aus dem Knochen nicht behindern. Die Höhe des Mg-Einsatzes richtet sich nach den Kalium-Gehalten im Futter. Dieses Konzept benötigt keine Kontrolle und ist für grasbetonte Rationen geeignet. Matthias Klasen, Tierarztpraxis Tepferd, hat gute Erfahrungen damit gemacht: „Beim Einsatz Saurer Salze starten die Kühe häufig besser in die Laktation. Aber das Mg-Konzept ist aus unserer Sicht sicherer.“ Bei Betrieben, die auf den Einsatz Saurer Salze umstellen wollen, kombiniert Matthias Klasen zu Beginn das Mg-Konzept mit der Anionenration: „Die beiden Konzepte behindern sich nicht. Bis man die passende Ansäuerung gefunden hat, kann man das Magnesium zur Sicherheit einsetzen.“

Anionenrationen: Immer kontrollieren

Eine starke Ansäuerung (Anionenration) mit Sauren Salzen ist nach Ansicht von Dr. Arnd Grottendieck, Tierarztpraxis Bramsche, der Goldstandard. Beim Einsatz Saurer Salze muss man zwischen einer leichten Ansäuerung und einer Anionenration (DCAB ca. -100 bis -150) unterscheiden. Bei einer leichten Ansäuerung muss man weitere Maßnahmen zur Milchfieberprophylaxe durchführen. Das Risiko ist zu groß, dass die leichte Ansäuerung nicht ausreicht.

Füttert man Saure Salze, muss man immer den Harn-pH-Wert (Zielwert: pH 5,5 bis 6,0) kontrollieren. Die meisten Experten raten, wöchentlich zu testen, es sollte sich dann eine Konstanz in den Werten zeigen. „Wir empfehlen das Konzept nur dann, wenn die intensive Kontrolle garantiert werden kann“, betont Dominik Bützler, LandVET-QPlus. Saure Salze kann man über die ganze Trockenstehzeit (einphasig) einsetzen. „Um festzustellen, ob eine längere Gabe negative Auswirkungen hat, überprüfen wir bei einigen Tieren regelmäßig das Blutbild inklusive Leberwerte, Vitaminen etc.. Dabei treten keine ungewöhnlichen Befunde auf“, so Matthias Klasen.

Viele Saure Salze werden für die Schmackhaftigkeit mit Fettkapseln gecoatet. Das Problem: Die „Fettkügelchen“ sind nicht immer homogen, sodass es zu einer Entmischung (Big Pack) kommen kann. Daher sollte man sich nicht nur die Mischgenauigkeit der Ration, sondern auch die Produkte selbst anschauen. Nicht alle Mineralfutter sind in Kombination mit dem DCAB-Konzept geeignet. Werden Mineralfutter verwendet, in denen die Mineralien in organischer Form vorliegen, kann dies eine Bindung mit Natrium (Salz) sein. Natrium schiebt jedoch den DCAB-Wert nach oben. Daher sollte man bei der Auswahl des Mineralfutters darauf achten, ob es den DCAB-Wert erhöht oder senkt. Zur Sicherheit setzen viele auf ein kombiniertes Produkt – Mineralfutter mit Sauren Salzen.

Wie Langzeit-Trockensteher integrieren?

Kühe mit einer längeren Trockenstehzeit können im Sommer, sofern möglich, für einige Wochen auf die Weide. Dabei aber die Mineralien-Versorgung nicht vergessen (z. B. Langzeitboli). Alternativ können sie mit einer energiearmen Rinder-TMR gefüttert werden. Während der anschließenden „regulären“ Trockenstehphase sollten sie die standardmäßige Trockensteherration bekommen.

Zusätzlich beachten

  • Die Trockensteherration darf nicht selektierbar sein!
  • Der Energiegehalt der Trockensteherration sollte bei 5,8 bis 6,15 MJ NEL/kg TM liegen, das verdauliche Rohprotein bei 10 bis 10,5 % bzw. 14 % Rohprotein.
  • Färsen ca. zwei bis drei Wochen vor der Kalbung in den Trockensteherbereich integrieren.
  • Täglich frisch füttern. Dr. Jan Hendrik Steudtner hat die Wiederkautätigkeit bei täglicher bzw. zweitägiger Futtervorlage verglichen: „Wir konnten negative Abweichungen sehen, wenn das Futter alle zwei Tage gefüttert wurde.“
  • Grundfuttermittel sollten so kaliumarm wie möglich sein. Maisbetonte sind grasbetonten Rationen vorzuziehen. Extra Trockensteher-Grassilage erzeugen.
  • Mit einem Einschneckenmischer lassen sich Rationen ab zehn Tieren optimal mischen, bei einem Zweischneckenmischer Rationen ab 15 bis 20 Tieren. Automatische Fütterungssysteme mischen auch kleinere Rationen gut.
  • Nach der Kalbung die Trockensteherfütterung direkt beenden. Es macht Sinn, das Calcium-Profil im Blut zu bestimmen. So lässt sich sichergehen, dass kein subklinisches Problem vorliegt.

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