Biosicherheit Rind
Rinderhalter in Niedersachsen können sich seit diesem Jahr kostenlos zum Thema Biosicherheit beraten lassen. Das Ziel: EU-Recht erfüllen und die eigenen Tiere schützen. Wir waren bei einem solchen Ber
Sich die Gefahren bewusst machen
Ein gedeckter Tisch mit Ostfriesentee und Kuchen, bunte Textmarker, Lagepläne, ein Klemmbrett mit Notizen, ein Laptop – auf den ersten Blick sieht die Szene auf dem Milchviehbetrieb von Familie Tannen in Ostfriesland nach kreativer Gruppenarbeit aus. Bei näherem Hinsehen entpuppt sie sich als sachliche Bestandsaufnahme und genaue Planung: Die Betriebsleiter Manfred und Keno Tannen prüfen gerade zusammen mit Hoftierarzt Dr. Jan Hendrik Steudtner und Dr. Jörg Willig vom Rindergesundheitsdienst, wie ihr Betrieb in puncto Biosicherheit aufgestellt ist. Eine solche Biosicherheitsberatung soll es demnächst auf vielen weiteren niedersächsischen Milchviehbetrieben geben – durch eine Beihilfe der Niedersächsischen Tierseuchenkasse (TSK) für die Landwirte kostenlos. „Wir haben die Beratung bei unseren Kunden beworben und haben inzwischen eine Warteliste mit unterschiedlichsten Betrieben, die teilnehmen wollen“, berichtet Jan Hendrik Steudtner. Er besucht zurzeit erste Betriebe.
Der Betrieb Tannen: Milchhof direkt am Deich
Für Familie Tannen ist Biosicherheit schon länger ein Thema. Manfred Tannen ist im Vorstand der TSK und hat am Niedersächsischen Biosicherheitskonzept Rind mitgearbeitet (siehe Kasten ganz unten). „Außerdem ist uns das Thema hier im Betrieb schon immer wichtig – auch, weil wir bis 2018 noch Schweinehaltung hatten und da höhere Standards in der Biosicherheit gewohnt waren, als sie im Milchviehbereich üblich sind“, schildert Manfred Tannen. Er leitet den Familienbetrieb in Esens-Bensersiel mit seinem Sohn Keno – heute als reinen Milchviehbetrieb mit circa 220 Kühen und weiblicher Nachzucht. Um das Tagesgeschäft kümmern sich hauptsächlich Keno und seine Mutter Maike Tannen, während Manfred Tannen viel Zeit für das landwirtschaftliche Ehrenamt aufbringt. Unterstützt wird die Familie von einem Vollzeit- und einem Teilzeitangestellten, einem Minijobber und ab dem Sommer einem Auszubildenden.
Landwirtschaft erleben und anfassen
Als weiteren Betriebszweig bietet Familie Tannen Urlaub auf dem Bauernhof an. In drei Ferienwohnungen können Gäste ihren Nordseeurlaub verbringen und dabei Einblicke in die Landwirtschaft bekommen. „Wir wollen Landwirtschaft zum Erleben und Anfassen zeigen“, erklärt Manfred Tannen. Für die Familie gehört es dazu, dass Gäste mit im Stall und bei den Tieren sind oder ihnen beim Melken über die Schulter schauen. In puncto Biosicherheit ist das eine Herausforderung. Bei der Biosicherheitsberatung wird hier schnell deutlich, dass es keine einfachen Schwarz-Weiß-Lösung gibt. Das Gefühl bei Veranstaltungen oder im Umgang mit Touristen auf dem Betrieb hat sich laut Manfred Tannen verändert. Die Familie will ihren Betrieb aber weiterhin für Gäste öffnen und ihnen auch nicht zu viele Regeln in puncto Biosicherheit auferlegen, aus Sorge, sie dann an ihre Mitbewerber zu verlieren. Über die wichtigsten Hygieneregeln im Umgang mit Tieren – Hände waschen, saubere Stiefel tragen oder keine anderen Betriebe besuchen – werden die Gäste aber bei der Ankunft aufgeklärt. Die Ställe dürfen sie in ihren eigenen Gummistiefeln betreten, doch diese bleiben während des gesamten Aufenthalts auf dem Hof. Für Jan Hendrik Steudtner und Jörg Willig ist diese Lösung vertretbar. Eine sinnvolle Hilfe wäre ihrer Einschätzung nach noch ein Merkblatt, das die Gäste über Risiken und Verhaltensregeln beim Urlaub auf dem Bauernhof aufklärt – im Idealfall zum Beispiel von den Tourismusverbänden bereitgestellt. Das Ziel ist aber keinesfalls, auf Öffentlichkeitsarbeit zu verzichten, sind sie sich einig. „Es geht darum, sich der Risiken bewusst zu sein und angesichts der aktuellen Tierseuchenlage abzuwägen und bewusst zu entscheiden, wie man seinen Betrieb für Besucher öffnen kann und will“, betont Jörg Willig.
Dr. Jörg Willig (li.) und Hoftierarzt Dr. Jan Hendrik Steudtner (re.) mit Keno und Manfred Tannen bei der Beratung. Bei einem Betriebsrundgang wurden alle Abläufe im Betrieb besprochen.
In einem Umkleideraum mit Waschbecken und Dusche können die Mitarbeiter betriebseigene und private Kleidung und Schuhe sauber lagern. Das ist auch in Rinderbetrieben wichtig.
Gefahren durch Dienstleister eingrenzen
Ein weiterer Risikofaktor, der bei dem Beratungstermin immer wieder ins Gespräch kommt, sind Dienstleister – vom Tierarzt über Besamungs- techniker, Handwerker und Milchsammelwagen bis zur Tierkörperbeseitigung. Manfred Tannen sieht den eigenen Berufsstand in der Pflicht, das Einhalten bestimmter Regeln in puncto Biosicherheit konsequent einzufordern: „Landwirte dürfen und müssen gegenüber ihren Dienstleistern Ansprüche formulieren“, unterstreicht er. Landwirtschaftliche Dienstleister, die direkt am Tier arbeiten, wie Besamungstechniker oder Tierärzte, betrachtet er als besonderes Risiko, da sie viele Betriebe in kurzer Zeit anfahren. Hier ist er froh, dass Keno Tannen und dessen Partnerin auf Eigenbestandsbesamung setzen und dadurch dieses Risiko für den Betrieb entfällt. An ihrer Tierarztpraxis schätzen Manfred und Keno Tan- nen, dass sie vor allem prophylaktisch arbeitet und auf die Herdengesundheit im Ganzen achtet. „Früher sind wir nachgelaufen und haben Sympto- me behandelt – jetzt kommen wir vor die Welle“, verdeutlicht Keno Tannen. Einmal im Monat bespricht er mit Jan Hendrik Steudtner die aktuellen Zahlen und Ergebnisse sowie mögliche Probleme. Darüber hinaus trägt ein Sensorsystem zur Krankheitsfrüherkennung bei. „Durch den prophylaktischen Ansatz muss der Tierarzt seltener zu Einzelbesuchen bei kranken Tieren kommen – auch das ist Biosicherheit“, ist Manfred Tannen überzeugt. Betriebseigene Kleidung nutzt der Tierarzt hier nicht, aber für ihn sind ein frischer Kittel sowie gereinigte und des- infizierte Stiefel für jeden Termin Pflicht. Dazu hat er zwei Paar Stiefel zum Wechseln im Auto, die für die 30-minütige Einwirkzeit des Desinfektionsmittels jeweils in einer Wanne stehen.
Biosicherheitsmanagementplan – warum, wie und was dann?
Warum braucht ein Betrieb einen Biosicherheitsmanagementplan?
Das Tiergesundheitsrecht der EU (AHL) verpflichtet Tierhalter seit 2021, den „Schutz vor biologischen Gefahren“ sicherzustellen. Dazu gehört, infolge einer Risikobewertung zu definieren, ob und welche Maßnahmen im Betrieb zu ergreifen sind, um die Einschleppung und Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern. Das muss der Tierhalter in einem solchen Plan dokumentieren.
Ab 2027 müssen Betriebe, die keinen solchen Plan vorlegen können, mit wirtschaftlichen Folgen rechnen. Denn die niedersächsische Tierseuchenkasse (TSK) hat angekündigt, in diesem Fall die Leistungen im Seuchenfall zu kürzen. „Außerdem haben die Betriebe ein Eigeninteresse, ihre Tiere zu schützen“, betont Manfred Tannen die zweite Funktion neben der gesetzlichen Verpflichtung. „In der Vergangenheit haben wir uns da zu wenig Gedanken gemacht.“
Wie erstelle ich einen solchen Plan?
Eine Arbeitshilfe dafür bietet das Niedersächsische Biosicherheitskonzept Rind (siehe Kasten weiter unten). Bei einer Biosicherheitsberatung erstellen Sie den Managementplan gemeinsam mit Ihrem bestandsbetreuenden Tierarzt. Die Kosten dafür übernimmt die TSK. Tierärzte können bis zu vier Stunden für eine Erstberatung und eine Stunde für die folgende jährliche Evaluierung abrechnen, wenn sie eine entsprechende Schulung besucht haben. Interessierte Landwirte sollten ihren Tierarzt ansprechen.
Was ist, wenn Mängel dokumentiert werden?
Wird bei der Beratung Handlungsbedarf festgestellt, haben Tierhalter keine negativen Folgen zu befürchten. Das Ergebnis soll ihnen Schwachstellen zeigen, hat aber keine Auswirkungen auf die Leistungen der TSK im Seuchenfall.
Kreuzkontaminationen vermeiden
Bevor die beiden Tierärzte sich mit Keno und Manfred Tannen zur theoretischen Besprechung im Sozialraum des Betriebes niedergelassen haben, haben sie bei einem Betriebsrundgang das gesamte Gelände in Augenschein genommen. Schon dabei wurde deutlich, dass es einen zentralen Bereich gibt, an dem sich viele Wege kreuzen: In einem Altgebäude zweigen von einem Gang Melkstand und Milchkammer ab, aber auch die frühe- ren Schweineabteile, in denen heute die Kälber in Einzelboxen untergebracht sind. Damit ist der Bereich der jüngsten Kälber eng mit den zentralen Wegen im Zentrum des Betriebes verwoben. Der Abkalbebe- reich befindet sich gleich daneben. Der Eingang dazu geht, wie der Eingang in das Altgebäude mit Milchkammer und Kälbern, von einem Vorplatz aus, der über eine Einfahrt von der Straße aus erreichbar ist. Wie viele Wege hier kreuzen wird noch deutlicher, als Jörg Willig die Hauptwege auf dem Betrieb in den Stallplan einträgt: Der Milchsammelwagen hält hier, genau wie der Tierarzt oder Handwerker, der Futtermischwagen passiert die Stelle auf dem Weg in den Stall und auch das Fahrzeug der Tierkörperbeseitigungsanlage fährt hierher, denn links schließen sich Festmist- und Kadaverlager an. Dahinter befinden sich Einzelboxen für die männlichen Kälber, sodass der Viehhändler ebenfalls die Einfahrt benutzt. Jörg Willig sieht hier ein hohes Risiko für Kreuzkontaminationen. Eine Entzerrung der Wege, gerade rund um die hochsensiblen Bereiche wie Kälberhaltung oder Abkalbebereich, könnte die Biosicherheit im Betrieb erhöhen.
Hier kreuzen viele Wege: Links befindet sich das Kadaverlager, in der Mitte geht es in den Stall inklusive Abkalbebereich und im Gebäude rechts zu Milchkammer, Melkstand und Kälberboxen.
Biosicherheit bei Zukunftsplänen bedenken
Der Tierarzt geht bei der Be- ratung die Punkte des Biosi- cherheitskonzeptes Rind durch (siehe Kasten unten). Alle Routinen im Betrieb werden besprochen – von den Abkal- bungen über Kälber- und Jung- viehaufzucht bis zu den Kühen. Es geht um Tiergesundheit, Futterlagerung oder Reinigung und Desinfektion. Bei keinem der Punkte sieht Jörg Willig dringenden Handlungsbedarf, aber dennoch entstehen bei der Beratung einige Ideen zur weiteren Optimierung. So wollen Keno und Manfred Tannen darüber nachdenken, das Kadaverlager etwas zu verlagern, sodass das Tierköper- beseitigungsfahrzeug nicht mehr so nah an die Kälber und den Abkalbebereich heranfah- ren muss. Außerdem nehmen sie den Aspekt Biosicherheit mit in die Überlegungen für weitere Entwicklungsschritte im Betrieb. „Unser Bewusstsein ist jetzt geschärft“, sagt Keno Tannen. „Für eine weitere Neu- investition stehen unsere Pla- nungen noch am Anfang. Da werden wir noch einmal über- denken, an welchen Stellen wir die Biosicherheit noch weiter optimieren können.“
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Laura Schneider
Das Biosicherheitskonzept Rind finden Sie unter:
Mit der Risikoampel Rind können Sie prüfen, wie ihr Betrieb in puncto Biosicherheit aufgestellt ist:
Das Biosicherheitskonzept Rind: Sieben Punkte für mehr Biosicherheit
Arbeitshilfe
Das Niedersächsische Biosicherheitskonzept Rind ist eine Arbeitshilfe zum Erstellen eines betriebsindividuellen Biosicherheitsmanagementplans. Es baut auf einem Drei-Stufen-Modell auf, um die individuellen Ausgangsbedingungen und Ansprüche der Betriebe zu berücksichtigen. Stufe 1 beschreibt den Mindeststandard. Die Kriterien von Stufe 2 und 3 gehen darüber hinaus und sollten zum Beispiel erfüllt werden, wenn in einer Herde hochinfektiöse Krankheiten auftreten, sie besonders wertvoll ist oder das Risiko eines Erregereintrags erhöht ist durch Personen-, Tier- oder Fahrzeugverkehr oder eine hohe Viehdichte.
„Jeder Betrieb kann wählen, welche Stufe er nach seinen Möglichkeiten und Bedürfnissen umsetzen kann und will“, erläutert Manfred Tannen. „Es muss nicht jeder gleich die höchste Stufe erreichen. Ziel ist erst einmal, ein Bewusstsein für das Thema zu schaffen.“ Das Konzept geht in sieben Handlungsbereichen auf die rechtlichen Vorgaben und weitere Empfehlungen ein:
Angaben zum Betrieb, betriebsindividuelle Risikofaktoren
Hier geht es um allgemeine Angaben zu Betrieb und Tierhaltung – von den im Betrieb gehaltenen Tieren und Betriebsstandorten bis zu Verbindungen zu anderen Betrieben durch Mitarbeiter oder gemeinsam genutzte Geräte oder Wege.
Kenntnisse/Sensibilisierung/Unterweisungen
Personal, Dienstleister und Besucher sollten vor Betreten der Ställe über die Biosicherheitsvorgaben im Betrieb informiert werden und den Tierbereich nicht ohne Wissen des Tierhalters betreten.
Bauliche Gegebenheiten, Lageskizze
Hier geht es darum, das Risiko einer Erregerübertragung durch Menschen, Wild- und Haustiere zu senken. Dazu gehören:
- Hinweisschilder oder Tore an den Hofzugängen, das Vermeiden von Kreuzungen kontaminierter Wege durch Personen und Fahrzeuge,
- eine planbefestigte, leicht zu reinigende Milchübergabestelle,
- getrennte Lagerbereiche für Mist und Fütterungseinrichtungen,
- räumliche Trennung unterschiedlicher Tierarten,
- Fernhalten von Wild- und Haustieren vom Stall,
- Absonderung von kranken Tieren in einem Krankenabteil
- oder ein getrennter Abkalbebereich.
Personen- und Fahrzeugverkehr
Um das Risiko einer Erregerverschleppung durch Personen und Fahrzeuge zu senken, sollte auf Reinigung und Desinfektion geachtet und Lauf- und Fahrwege optimiert werden:
- Nur saubere Fahrzeuge sollten das Gelände befahren.
- Fahrzeuge für den innerbetrieblichen Tiertransport und Gerätschaften sollten sauber sein und sich reinigen und desinfizieren lassen.
- Es sollte eine Umkleidemöglichkeit und betriebseigene Kleidung/Stiefel geben
- sowie Möglichkeiten zur Reinigung und Desinfektion von Stiefeln und Händen.
Tierverkehr
Hierzu gehört der Umgang mit Falltieren, die Absonderung kranker Tiere oder Wachsamkeit bei Tierverkehr zwischen Betrieben, Tierzugängen oder nach Ausstellungen und Auktionen.
Materialien
Hierunter fallen Futter- und Tränkehygiene, der Umgang mit Gülle, Mist und Gärresten oder das Grünland- und Weidemanagement.
Überwachung Tiergesundheit und weitere Maßnahmen zur Senkung des Infektionsdrucks durch gute Herdengesundheit und Krankheitserfrüherkennung mittels Tierbeobachtung, Datennutzung oder Tiergesundheitsbesuche, Reinigung und Desinfektion sowie Schädlingsbekämpfung.